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§ 4: Sprachtheoretischer Exkurs II: Von der Definition zum Begriff

I. Definition

Eine Betrag von Eike Michael Frenzel, Das Definieren von Rechtsbegriffen – Beispiele aus dem Verfassungsrecht, in der neuen Online-Zeitschrift ZJS (Zeitschrift für das juristische Studium http://www.zjs-online.com/) 2009, 487-493, ist insofern interessant, als der Autor Definitionen als Anwendungsbeispiele für »Dreischritte« darstellt. Dazu führt er zunächst den Dreischritt als »Denk- und Strukturmodell« ein. Dabei unterläuft ein bißchen viel Zahlenmystik. Aber im Prinzip ist es ja richtig: Gliederungen, Aufzählungen Argumente folgen oft einem Dreierrhythmus, und es kann praktisch eine gute Hilfe sein, sich daran zu orientieren. Dahinter steckt kein Geheimnis und auch keine Dialektik, sondern ein einfacher psychischer Mechanismus. Dazu lesenswert Fritjof Haft, Einführung in das juristische Lernen, 6. Aufl. 1997, 107 ff., 115. In der Dreizahl verbindet sich perzeptive Prominenz mit der optimalen Aufmerksamkeitsspanne. Es ist ein falscher Gegensatz, wenn es S. 488 heißt, die Rechtswissenschaft stehe »der dem tertium (nicht nur comparationis) verbundenen Rhetorik näher als der Logik, der das tertium non datur zugeschrieben wird«.

4. Wesensdefinition

Ein Autor aus den USA, der mir in letzter Zeit immer mehr auffällt, ist Brian Leiter. Hier ein neuer Artikel zum Problem der Abgrenzung von Recht und Moral, der auf SSRN verfügbar ist:
Brian Leiter, The Demarcation Problem in Jurisprudence: A New Case for Skepticism (October 7, 2010). NEUTRALITY AND THE THEORY OF LAW, J. Ferrer & J. Moreso, eds., Madrid: Marcial Pons, Forthcoming; U of Chicago, Public Law Working Paper No. 319.
 
Und hier das Abstract:
Legal philosophers have been preoccupied with specifying the differences between two systems of normative guidance that are omnipresent in all modern human societies: law and morality. Positivists such as Kelsen, Hart, and Raz propose a solution to this “Demarcation Problem” according to which the legal validity of a norm can not depend on its being morally valid, either in all or at least some possible legal systems. The proposed analysis purports to specify the essential and necessary features of law in virtue of which this is true. Yet the concept of law is an “artifact concept,” that is, a concept that picks out a phenomenon that owes its existence to human activities. Artifact concepts, even simple ones like “chair,” are notoriously resistant to analyses in terms of their essential attributes, precisely because they are hostage to human ends and purposes, and also can not be individuated by their natural properties. 20th-century philosophy of science dealt with a kindred Demarcation Problem: how to demarcate epistemically reliable forms of inquiry from epistemically unreliable ones, that is, how to demarcate science from pseudo-science or nonsense. Like the legal philosophers, they sought to identify the essential properties of a human artifact (namely, science). They failed, and spectacularly so, which led some philosopher to wonder, “Why does solving the Demarcation Problem matter?” This essay develops the lessons for legal philosophy from this episode and its philosophical aftermath, and concludes that, lest we want to become embroiled in pointless Fullerian speculations about the effects of jurisprudential doctrines on behavior, it is time to abandon the Demarcation Problem in jurisprudence.
 
Leiter hat hier wohl einen »Punkt«: Man kann »artifact concept« vielleicht mit Kulturphänomen übersetzen. Das Argument lautet dann, dass Kulturphänomene – und damit das Recht – sich einer Wesensdefinition entziehen, weil sie von den wechselnden Zielen und Zwecken der Menschen abhängig sind.

IV. Ergänzung: Begriffe, Konzepte und Konzeptionen

 
In den USA unterscheidet man zwischen »concepts« und »conceptions«. Auch bei uns ist oft von »Konzepten« die Rede. Lawrence B. Solum erläutert die Unterscheidung in seinem Legal Theory Lexicon: Concepts and Conceptions [http://lsolum.typepad.com/legaltheory/2009/09/legal-theory-lexicon-conce...]. »Concept« bezeichnet einen relativ allgemeinen Begriff. Das Musterbeispiel ist Gerechtigkeit. Aber man kann auch an Schuld, Vorsatz, Fahrlässigkeit, Rechtswidrigkeit, Kausalität, Irrtum und viele andere Begriffe denken. »Conception« dagegen ist eine spezielle Theorie über den Inhalt des allgemeinen Begriffs, etwa die Interpretation von Gerechtigkeit als ausgleichende Gerechtigkeit oder als soziale Gerechtigkeit, oder Vorsatztheorie und Schuldtheorie für den Rechtsirrtum im Strafrecht. »Conceptions« sind also (umstrittene) inhaltliche Ausfüllungen des allgemeineren Begriffs. Man kann »concept« als mit »Begriff« und »conception« mit »Theorie übersetzen. Früher war ein Konzept im Deutschen eigentlich nur der Entwurf (eines Textes). Heute redet man auch in wissenschaftlichen Texten (nach meinem Eindruck zunehmend) von Konzepten und Konzeptionen. Dabei wird nach meinem Sprachgefühl die »Konzeption« – gerade umgekehrt wie im Englischen – eher in weiteren Sinne verwendet. Solum schließt seinen Artikel mit der Feststellung:
»The law is full of contested concepts, and one of the jobs of legal theorists is to determine which conceptions of these concepts are the most defensible. Indeed, because contested concepts come up all the time, the concept/conception distinction is extremely useful as a tool for clarifying the nature of disagreements about what the law is and what it should be. When you next run into an idea like "justice," "equality," "utility," or "causation," ask yourself whether different conceptions of that concept are at work.«
Ich bin nicht sicher, ob wir diese Unterscheidung auch bei uns brauchen können.
 


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