V. Der kognitive Konstruktivismus

Wir haben an dieser Stelle des Buches wohl nicht deutlich genug darauf hingewiesen, warum uns dieser Abschnitt wichtig ist. Der Grund liegt darin, dass sowohl in der Rechtssoziologie als auch in Rechtstheorie und in Methodenlehre konstruktivistische Vorstellungen sehr verbreitet sind. In der Rechtssoziologie machten sich solche Vorstellungen zunächst i der Amherst-Seminar-Gruppe um Austin Sarat breit. In Deutschland nahmen sie ihren Ausgang vor allem von der Konstanzer neuen Wissenssoziologie und wurden von dort durch Soeffner in die Rechtssoziologie vermittelt. In Rechtstheorie und Methodenlehre hat sich die von der Sprachtheorie inspirierte Müller-Schule in die konstruktivistische Richtung entwickelt. Zum Teil kommt der Konstruktivismus auch in systemtheoretischer Verpackung daher. Ferner gibt es einige Rechtspraktiker (Grasnick, Seibert, Strauch) die sich auf betont auf den Konstruktivismus stützen. Schließlich war und ist die Fernuniversität Hagen (Gräfin von Schlieffen, Morlok, jetzt Düsseldorf) ein Ankerpunkt. Vgl. dazu die Beiträge zum so genannten Theorie-Praxis-Bruch im Sonderheft „Juristische Methodenlehre“ = Heft 2-3 der Zeitschrift für Rechtstheorie Bd. 32, 2001, hg. von Werner Krawietz und Martin Morlok. Es handelt sich um Beiträge zu einer im Oktober 2000 veranstalteten Tagung in Hagen. Sie bildete den Start für ein Forschungsprojekt bilden, dass die in der juristischen Praxis verwendeten Argumentationsweisen empirisch erheben sollte. Das Projekt unter der Leitung von Martin Morlok hat jedoch nicht zu einer abschließenden und zusammenfassenden Veröffentlichung geführt. Immerhin sind aus dem Projekt zwei wichtige Dissertationen entstanden, nämlich Agnes Launhardt, Topik und Rhetorische Rechtstheorie, Eine Untersuchung zu Rezeption und Relevanz der Rechtstheorie Theodor Viehwegs, 2010, sowie Peter Stegmaier, Wissen, was Recht ist, Richterliche Rechtspraxis aus wissenssoziologisch-ethnografischer Sicht, 2009 und Kye Il Lee, Die Struktur der juristischen Entscheidung aus konstruktivistischer Sicht, Tübingen 2010. Stegmaiers Buch habe ich auf RSOZBLOG besprochen (Peter Stegmaiers ethnographischer Blick).
Bei dem Buch von Kye Il Lee handelt es sich um eine unerhört fleißige und sorgfältige Mammutdissertation, die bei Martin Morlok in Düsseldorf entstanden ist, und dementsprechend Morloks Anliegen einer konstruktivistischen Rechtstheorie und Methodenlehre verfolgt. Man kann das Buch nicht wirklich durchlesen. Aber es finden sich viele schöne Zusammenfassungen von Theorien und Entwicklungen, so etwa über die Amherst-Seminar-Gruppe um Austin Sarat, S. 203 ff. Wichtig ist ein großes Kapitel über »Rechtsherstellung und Kohärenz«. Meine Vorbehalte gegen den Konstruktivismus kann auch diese Arbeit nicht abbauen.
 
Wer sich eingehender mit den Laws of Form von George Spencer Brown beschäftigen will, sollte folgendes Buch zu Rate ziehen: Tatjana Schönwälder/Katrin Wille/Thomas Hölscher, George Spencer Brown, Eine Einführung in die "Laws of Form", Wiesbaden 2004. Von S. 245 bis 256 befasst sich Thomas Hölscher mit der Rezeption der Law of Forms durch Niklas Luhmann mit dem Ergebnis, dass Luhmann wohl doch Spencer Brown nicht ganz richtig interpretiert habe. Da fällt es nicht schwer zu bekennen, dass ich selbst diese Kritik nicht mehr wirklich nachvollziehen kann.
Im Internet (GoogleBooks) verfügbar:
Louis H. Kauffmann, Das Prinzip der Unterscheidung. Über George Spencer-Browns "Laws of Form" (1969), in: Dirk Baecker (Hg.), Schlüsselwerke der Systemtheorie, Wiesbaden 2005, S. 173-190.